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Ostdeutsches kino

In the Dust of the Stars
In the Dust of the Stars ( (Im staub der sterne)
Heinz Leo Kretzenbacher wurde in Graz, Österreich, geboren und wuchs in München auf, wo er seinen Doktor in Deutsch aus Fremdsprache sowie in Englischer und Portugiesischer Literatur machte. Er ist im Moment als Dozent und Praktikumsbeauftragter für deutsche Studien an der Universität Melbourne tätig.

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In den vierzig Jahren ihrer Existenz von 1949 bis 1990 bot die DDR immer das Bild des "anderen deutschen Staats", des graueren und langweiligeren armen Ost-Verwandten. Selbst die DDR-Oberen schienen uneingestanden diese Ansicht zu teilen, zeigte doch ihr ständiges Selbstlob des "Weltniveaus" aller Errungenschaften der DDR nichts deutlicher als das Ausmaß ihres Minderwertigkeitkomplexes. Im Rückblick wird klar, dass es nur sehr wenige Felder gab, auf denen sich die DDR je mit der Bundesrepublik messen konnte; die Künste gehörten mit Sicherheit zu diesen Feldern. Bildende und darstellende Künste, Literatur und Film befanden sich zwar ständig unter Beobachtung und Zensur einer misstrauischen Obrigkeit, dennoch produzierten sie außer der erwartbaren Masse von harmlosem Kitsch und ideologischen Pflichtübungen viel solide Qualität und auch eine bedeutende Anzahl von Kunstwerken, die tatsächlich in der globalen Liga mitspielen konnten.

Als Kunst für ein Massenpublikum spielte das Kino immer eine ganz besondere Rolle im Konzert der Künste in der DDR. Das Glück der Geographie und der Politik begünstigten seine Anfänge: Die Babelsberger UFA-Studios, in denen einst Regisseure vom Rang eines Fritz Lang oder eines Billy Wilder gearbeitet hatten, und die dann zur filmischen Propagandazentrale des Nazireichs gemacht worden waren, lagen in Potsdam und damit seit 1945 in der sowjetischen Besatzungszone, die 1949 zur DDR werden sollte. Schon 1946, also drei Jahre vor der Gründung beider deutscher Nachkriegsstaaten, drehte Wolfgang Staudte hier Die Mörder sind unter uns, den ersten deutschen Film nach dem Krieg. Der DDR-Monopolbetrieb DEFA, Rechtsnachfolger der UFA, produzierte hier bis 1990 etwa 700 Spielfilme, 750 Trickfilme und über 2000 Kurz- und Dokumentarfilme.

  Solo Sunny
  Solo Sunny
Von Staudtes Die Mörder sind unter uns mit seinen Außenaufnahmen in der Mondlandschaft des zerbombten Berlin bis zu Helke Misselwitz' Dokumentarfilm Winter adé aus dem Jahr 1988, der in Interviews mit Frauen aus dem ganzen Land ein Stimmungsbild der DDR-Endzeit zwischen trister Stagnation und Hoffnung auf Änderung gibt, zeigt die ACMI-Retrospektive ein weites Panorama des DDR-Films. Zwischen diesen beiden nicht nur chronologischen Polen der antifaschistischen und humanistischen Aufbruchsstimmung, die das ideologische Fundament und die hoffnungsfrohen Anfänge der DDR kennzeichnen, einerseits und der kampfesmüden Resignation von Menschen unter dem versteinerten Regime einer Greisenherrschaft andererseits sind viele Facetten des DDR-Films zu sehen. Diese Vielfalt macht die ACMI-Retrospektive besonders sehenswert. Viele der gezeigten Filme haben international Erfolg gehabt; dennoch hat ACMI weise der Versuchung widerstanden, nur die weltweit bekanntesten DDR-Filme zu zeigen, genausowenig wie das Gruselkabinett der DDR-Propagandafilmproduktion aus der Stalinzeit. Während Konrad Wolfs Film über das Bemühen einer jungen Frau um ein bisschen Autonomie in der durchregulierten Lebenslangeweile der DDR, Solo Sunny (1980), die kleine Gruppe der oft auf internationalen Festivals gezeigten DDR-Filme vertritt, verzichtet ACMI auf andere, international ebenso berühmte und leicht zugängliche Filme wie etwa Frank Beyers Spur der Steine (1966), ebenso wie auf peinliche Verrenkungen stalinistischer Heiligenverehrung wie etwa die beiden Filmbiographien Ernst Thälmanns von Kurt Maetzig aus den Jahren 1954 und 1955.

Carla
Carla (Karla)
ACMI zeigt die Variationsbreite der Genres im DDR-Film. Winter adé ist zwar das einzige Beispiel der reichen Dokumentarfilmproduktion in der DDR, aber mit Frank Beyers Buchenwald-Drama Nackt unter Wölfen (1963) und Konrad Wolfs autobiographischem Film Ich war neunzehn über seine Rückkehr aus dem sowjetischen Exil als Soldat der Roten Armee 1945 gesellen sich zwei weitere Beispiele des antifaschistischen Films zu Staudtes Die Mörder sind unter uns. Und wie Wolfs Solo Sunny 1980 Gesellschaftskritik am alltäglichen Kampf einer jungen Künstlerin gegen die Sturheit der Verhältnisse festmacht, so tut das Herrmann Zschoches Karla 1965 am Beispiel einer jungen Lehrerin, die am rigiden System der sozialistischen Schulbürokratie scheitert. Kurt Maetzigs Der schweigende Stern (1960) und Gottfried Kolditz' Im Staub der Sterne (1976) sind zwei sehr unterschiedliche Vertreter des Science-Fiction-Films, der erstere eine düstere Vision eines durch Atomkrieg verwüsteten Planeten - eine auf dem Höhepunkt nuklearer Drohgebärden des kalten Krieges durchaus nicht absurde Vorstellung -, der letztere zunächst vor allem wegen der Kostüme und Frisuren im ABBA-Stil bemerkenswert, mit denen seine Darsteller futuristisch herausgeputzt wurden. Richard Groschopps Chingachgook, die große Schlange (1967), nach Motiven aus Coopers Lederstrumpf-Roman Der Wildtöter, repräsentiert die reiche Western-Produktion, während Wolfs Sonnensucher (1958) mit den katastrophalen Arbeitsbedingungen im Uranabbau der Sowjetunion im Erzgebirge nach dem Krieg eine Epoche schildert, die als Wildwestzeit der DDR bezeichnet worden ist.

  Hot Summer
  Hot Summer (Heißer sommer)
Für die Filmschaffenden bedeutete die Produktion in einer Diktatur oft ein Austesten des unter den Bedingungen einer epochenweise unterschiedlich strengen und manchmal urplötzlich verschärften Zensur gerade noch Möglichen. Weil nach Meinung der Zensoren Sonnensucher die führende Rolle der Partei in Frage stellte, wurde der Film erst 1972, also 14 Jahre nach seiner Fertigstellung, freigegeben. Karla fiel, wie fast die gesamte Jahresproduktion der DEFA von 1965, einer plötzlich hereinbrechenden kulturpolitischen Eiszeit zum Opfer, die das post-stalinistische Tauwetter der Chruschtschow-Zeit abrupt beendete, und kam erst 25 Jahre später, nach dem Fall der Mauer, ins Kino. Selbst noch 1988 wurde der Dokumentarfilm Winter adé zwar auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival begeistert gefeiert und preisgekrönt, aber das DDR-Fernsehen zeigte ihn nicht. Für das Publikum bedeutete der Besuch eines DDR-Films oft genug nach Dingen Ausschau zu halten, die der Zensor übersehen hatte. So mögen für uns heute die unfreiwillig komisch futuristischen Kostüme und Kulissen in Im Staub der Sterne im Vordergrund des Filmerlebnisses stehen, das zeitgenössische Publikum verstand das seltsam uneindeutige Ende des Films jedenfalls als Weigerung, den Regeln sozialistischer Heldendarstellung zu folgen. Die Szene in Ich war neunzehn, in der die junge Flüchtlingsfrau in panischer Angst vor Vergewaltigung durch sowjetische Soldaten Schutz beim Protagonisten des Films sucht, brach mit dem Tabu, die Möglichkeit eines solchen Verhaltens von Soldaten der Roten Armee überhaupt zu erwähnen. Sogar der Teenager-Musikfilm Heißer Sommer verdankte seinen phänomenalen Erfolg und seinen Kultstatus nicht nur dem beliebten Schlagersängerpärchen, das die Hauptrollen spielt oder der Märchenhandlung eines spontanen Gruppenurlaubs von Teens an der Ostsee (eine unter der strikt planwirtschaftlichen Zuteilung von Ferienplätzen, gerade an der beliebten Küste, wahrlich utopische Vorstellung). Die DDR-Bürger sahen sich den flotten Schlagerfilm auch als willkommene Ablenkung von der bedrückenden Politik des Sommers 1968 an, als die Panzer der sozialistischen Bruderländer (auch der DDR-Volksarmee) die kurze Realutopie des Prager Frühlings brutal stoppten.

Obwohl manche Ostdeutsche heute ihre Probleme im wettbewerbsorientierten vereinigten Deutschland mit dem wehmütigen Blick durch die rosarote Brille der Ostalgie auf das scheinbar so viel simplere Leben in der DDR  zu kompensieren suchen, wird letztlich von den vierzig Jahren DDR nicht viel übrigbleiben, woran es sich zu erinnern lohnt. Viel von der Kunst jedoch, die in der DDR hervorgebracht wurde, wird bestehen und gültig bleiben; und das schließt mit Sicherheit einen bedeutenden Teil der DDR-Filmproduktion mit ein.

Heinz Leo Kretzenbacher, September 2009
 
 
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